Diskussion zum Fernkurs NT 2017-18

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32 Kommentare zu Diskussion Fernkurs NT 2017-18

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Das hängt davon ab, was man mit „groß“ meint …

    Joh 5,20f ist eine gute Beobachtung. Im Johannesevangelium ist tatsächlich die Auferweckung des Lazarus (Joh 11) das „größte“ Wunder! Es geschieht aber erst, als die Würfel schon gefallen sind; es hat keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung Israels für oder gegen den Messias. So schließt sich auch in Joh der gewichtigere Diskurs an die Speisung in Joh 6 an, denn hier kommt es zur „Scheidung“. Sie ist also auch bei Joh das „wichtigste“ Wunder, nicht nur bei den Synoptikern. Die Totenauferweckung ist für Joh das größte Wunder, nicht nur weil sie Tod und Auferstehung Jesu prototypisch vorbereitet, sondern vor allem weil sie ihm das endzeitliche und exklusive Wirken Gottes sichtbar zueignet (5,20f).

    Das hat mit der rückblickenden Sicht des Joh zu tun, die unter Anleitung des Heiligen Geists die Tiefenstrukturen und Bedeutung von Person und Handeln Jesu „erinnert“, erkennt und herausarbeitet (vgl. 14,26; 16,13f). Bei den Synoptikern hingegen sind die Totenauferweckungen mehr „matter of fact“, eingereiht in eine Vielzahl anderer Wunder, und stehen so auf der Ebene der Totenauferweckungen Elias und Elisas (1.Kön 17,17–24; 2.Kön 4,18-37).

  • Kathrin

    Es brauchte für mich ein Umdenken, um zu begreifen, dass nicht die Totenauferweckungen Jesu größte Wunder waren, sondern die Speisungswunder. Jesus selber hat sich nicht in dieser Richtung geäußert, sondern eher “die andere Spur gelegt”, wie in Joh5,20f. Ist das darauf zurückzuführen, dass Jesus sich noch nicht als Messias erkennen geben will?

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Der Begriff „Haustafelethik“ meint klassisch Anweisungen für das Zusammenleben in einer Familie, dem antiken „Haus“ (einschließlich der Sklaven, evtl auch der Angestellten, Freunde und „Klienten“). Nachdem aber die ersten Gemeinden sich in größeren „Häusern“ trafen, sind es auch Anweisungen für das Zusammenleben innerhalb der Gemeinde, bei deren Versammlung der Brief ja vorgelesen wurde.

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Zu Apollos. Wir wissen nicht mehr, als was im NT (Apg und 1Kor) über ihn steht. Das ist:
    – Er stammt aus Alexandria in Ägypten, der intellektuellen Hauptstadt des weltweiten Judentums (einer Art Kombination aus New York und Cambridge). Dementsprechend war er glänzend ausgebildet und ein hervorragender Rhetoriker.
    – Er war von der Umkehrpredigt Johannes des Täufers und seiner Botschaft des „Kommenden“ erfasst worden und trug sie weiter. Offensichtlich hatte er danach Unterricht über Jesus gehabt – vielleicht in Alexandria selbst (so eine alte Handschrift der Apg), wo es dann schon um das Jahr 50 herum ein christliche Gemeinde gegeben haben müsste. Bei dem regen Austausch Alexandrias mit dem Rest der Welt ist das nicht unwahrscheinlich. Jedenfalls war Apollos einerseits „brennend im Geist“ (was aber hier wahrscheinlich nur „voller Eifer“ bedeutet), andererseits aber nicht auf Jesus getauft; es bleibt unklar warum. Jedenfalls war er kein „Schüler“ des Paulus gewesen. Zugleich war er aber einer der wichtigen Leute des Urchristentums, wie 1Kor 3 deutlich macht.
    – Er zog als Wandermissionar herum und stärkte die Gemeinden. In dieser Funktion kam er auch nach Ephesus, wo er nach den kurzen Anfängen der Gemeinde durch Paulus eine starke Wirkung entfaltete. Über dessen Mitarbeiter dort, Prisca und Aquila, wurde er selbst einer der wichtigen, aber eigenständigen Mitarbeiter des Paulus. Später ging er nach der Abreise des Paulus nach Korinth; dort fanden durch ihn eine Menge Juden zu Christus und wurden Teil der Gemeinde.
    – Interessant ist, dass er trotz seiner eigenständigen Prägung und Theologie problemlos mit Paulus zusammenarbeiten konnte. Das spricht sehr für eine „Teammission“ des Paulus anstelle der klassischen Vorstellung eines auf ihn fixierten „Schülerkreises“. Apollos ist nicht Mitarbeiter des Paulus (in einem untergeordneten Sinn), sondern beide sind „Mitarbeiter Gottes“ (1Kor 3,9) in ihrem Gegenüber zu den Gemeinden.
    – Als Wandermissionar war er sicher eine Art „Apostel“, wenn auch kein Gesandter des Auferstandenen. Es bleibt offen wer ihn „gesandt“ hat: eine Gemeinde? Der Heilige Geist (vgl. Apg 13,1ff)? Lukas verwendet den Apostelbegriff sowieso nur sehr eingeschränkt: er versteht meist nur die Zwölf darunter. Das gilt vor allem für Apg 1-12; 15, wo Lk eine alte Jerusalemer Quelle übernimmt. Außerhalb dieser Quelle ist er freier; so bezeichnet er auch Barnabas und Paulus als Apostel (14,4.14). Auch Paulus nennt Apollos übrigens nicht ausdrücklich „Apostel“, obwohl er dessen Wirken in Korinth und anderswo anerkennt und schätzt.
    – Das letzte, was wir von Apollos hören, ist dass er zusammen mit Zenas den Brief des Paulus an Titus in Kreta überbracht hat (Tit 3,13) – vielleicht auf der Durchreise von Makedonien nach seiner Heimatstadt Alexandria.

  • Kathrin

    Im AB8 auf Seite 9 steht unter 2.3. “…sprechen manche von “Haustafelethik”. Doch muss man immer in Betracht ziehen, dass solche größeren christlichen Häuser zugleich die Kernzellen von Hausgemeinden darstellten.” Ich verstehe nicht, was inhaltlich mit diesem Satz gemeint ist. Ist es einfach so, dass alle Ehefrauen, Ehemänner… in den Gemeinden gemeint sind oder steckt noch mehr dahinter?

  • Kathrin

    Kannst Du bitte Genaueres zu Apollos sagen? Paulus bezeichnet ihn als Apostel. Erfüllt er die Apostelkriterien aus Apg oder wurde er später in diesen Dienst berufen?

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Kurz gesagt liegt der Unterschied in der Blickrichtung: „Schuld“ bezieht sich auf die Zerstörung des „heilen“ Zustands des Schalom, „Sünde“ auf das „Ver-brechen“ gegen Gott.

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Fast. Der deutsche Sprachgebrauch ist verwirrend, anders als der griechische bzw. lateinische. Griechisch heißt „Priester“ hiereus, Ältester hingegen presbyteros (latein.: sacerdos und presbyter).

    Der Ausgangspunkt ist der Dienst des Bischofs („Aufseher“):

    1) Zunächst sind die Aufseher (griech.: „episkopoi“, eingedeutscht als „Bischöfe“) mehrere Älteste („Presbyter“) aus dem Ältestenkreis einer Gemeinde, die mit der Aufsicht über die Gemeinde betraut werden. Das Abendmahl / die Eucharistie wurde in der Gesamtgemeinde zunächst oft von herumreisenden Aposteln und Propheten eingesetzt; wenn sie fehlten, auch von den Ältesten, die es sowieso in den (ursprünglichen) Hausgemeinden taten.

    2a) Vermutlich wegen der großen Irrlehrerkrisen des 2. und 3. Jahrhunderts verändert sich der Dienst der Aufseher. Ein einziger Aufseher wird zur zentralen Leitungsperson der Gemeinde, zum einzigen Bischof; die anderen Ältesten (Presbyter) sinken auf den Status von „Assistenten“ herab. Damit wird auch die Feier der Eucharistie immer exklusiver an ihn gebunden.
    2b) Etwa gleichzeitig kommt der Opfercharakter des Abendmahls immer stärker in den Blick. Dabei fließen nun auch alttestamentliche Gedanken zum „Priestertum“ mit ein und werden auf den Bischof als Priester übertragen, der als Gemeindeleiter die Eucharistie feiert. Der „Tisch des Herrn“ wird zum „Altar“.

    3) Erst in einem dritten Schritt, als Bischöfe immer größeren Gemeinden und Gemeindebezirken vorstehen, kommt es zum Amt der heutigen „Priester“. Die Assistenten des Bischofs, die „Presbyter“, bekommen den Auftrag, zusätzlich und an seiner Stelle die Eucharistie zu spenden. So werden auch sie zu Priestern im sakralen Sinn. In unserem Sprachgebrauch hat das Wort Presbyter („Ältester“) – verschliffen zu „Priester“ – nun einen ausschließlich priesterlich-sakralen Charakter.

  • Kathrin

    Im Referat hast Du davon gesprochen, dass das Wort Presbyter der Ursprung des Wortes Priester ist. Die ursprüngliche Aufgabe der Presbyter war nicht die Aufgabe eines Priesters wie im alten Testament. Habe ich das richtig verstanden, dass scheinbar parallel zur Namensveränderung sich auch der Inhalt des Dienstes der Presbyter geändert hat? Mit dieser Veränderung wurde außer der Aufgabe des Opferdienstes die Mittlerrolle zwischen Gott und Gemeinde übernommen, bzw. wieder eingeführt. Ist das nicht eine Rückentwicklung der Gemeinde in alttestamentliche Strukturen?

  • Kathrin

    Gibt es theologisch einen Unterschied zwischen Schuld, Sünde? Wenn ja, welchen?

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Du hast recht: Die Verabsolutierung von radikalen Einzelaussagen wie 1.Joh 3,9f führt in der Antike zum Gedanken eines Taufaufschubs bis zum Sterbebett. Übersehen wird dabei, dass die Sprache der Johannesbriefe wie des Evangeliums von einer großen Polarität geprägt ist, nämlich der zwischen Licht und Finsternis. Auf diesem Hintergrund sind die Aussagen einzuordnen. Es geht immer darum, sich für die Seite des Lichts oder der Finsternis zu entscheiden. In beiden Schriftengruppen finden sich aber – zur Beruhigung der Gewissen von Jüngern, die auf dem „Weg“ Jesu gehen – auch differenzierende Aussagen, vgl. Joh 3,9-10 mit 1,8–2,2 oder Joh 13,8-9 mit 13,10 (Petrus denkt im Extrem). Die „absoluten Aussagen“ richten sich in ihrer Schärfe gegen „Christen“, die aus theologischen oder sonstigen Gründen die Realität der Sünde leugnen. – Wie eine wachsende Verhärtung gegen das Licht bei „frommen“ Leuten aussehen kann, schildert Joh 9 sehr anschaulich.
    Gerade in ihrer Polarisierung aber dienen die Aussagen der johanneischen Schriften einem heilsamen Zweck: sie machen uns wach für den Ernst der Nachfolge. Die Barmherzigkeit Gottes wird dadurch nicht verkleinert. Sie ist, wie Bonhoeffer es formuliert hat, keine „billige“ Gnade, sondern eine teure: Sie hat Jesus das Leben gekostet – und kostet es uns auch.

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Das ist nicht unhöflich, sondern ein Ausdruck der absoluten Dringlichkeit der prophetischen Mission – das Vorbild ist die Anweisung des Propheten Elisa an seinen Jünger in 2.Kön 4,29.

  • Kathrin

    Hallo Manfred!
    Wenn ich den ersten Johannesbrief so lese, kann ich die Haltung derjenigen Christen verstehn,die mit der Taufe bis zum Schluss warten, weil sie fürchten, dann doch wieder zu sündigen und die Gnade zu verspielen, Du hast im Vortrag zur Taufe davon erzählt.
    Ich weiß mich als Kind Gottes, weiß aber auch genau, dass ich nicht frei von bösen Gedanken bin und definitiv immer wieder an der Liebe vorbei lebe, da liße sich viel aufzählen.
    Gott lehrt mich, barmherzig mit mir selbst zu sein und ihm trotz all dem zu vertrauen.
    Wie kommt es, dass im NT so viel von Gnade und Barmherzigkeit den Ungläubigen gegenüber geschrieben ist und innerhalb der Christenheit muss alles von Anfang an rein sein? Lese ich das alles nur so aus einem schiefen Blickwinkel?
    Dass gerade zu Anfang die Linie klar vorgegeben werden musste, ist mir selbstverständlich klar. Aber das Thema bereitet mir trotzdem große Mühe.

  • Kathrin

    In Luk10,4 heißt es: …grüßt niemanden unterwegs. Das klingt ja reichlich unfreundlich. Hat es eher damit zu tun, dass die Jünger sich nicht ablenken lassen sollten? Gibt es dazu klarere Informationen?

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Zu den Hohepriestern: Bei dem Begriff „Hohepriester“ (od. Hoherpriester mit Deklinationsformen; hebr.: „großer Priester“, griech.: „Urpriester, Hauptpriester“) muss in neutestamentlicher Zeit unterschieden werden: „Der“ Hohepriester (beim Prozess Jesu war das Kaiphas, Hohepriester von 18–37 n. Chr.) ist der amtierende „Oberste Priester“, der etwa am Jom Kippur das Sühneritual vollzieht. Er ist der Vorsitzende des Sanhedrin, des obersten jüdischen Rats; er ist zugleich der höchste politische Repräsentant gegenüber der römischen Verwaltung bzw. Besatzungsmacht in den Gebieten, in denen zur Zeit Jesu kein jüdischer König regierte, also in Jerusalem und Judäa. Zur Zeit des NT ist das Amt zudem nicht mehr lebenslänglich und erblich, wie im AT. Eingesetzt wurden meist Mitglieder einiger weniger führender Familien; das geschah durch die höchste politische Autorität. „Die“ Hohepriester (besser: „Oberpriester“) hingegen sind eine kleine leitende Gruppe innerhalb der Priesterschaft; dazu gehörten z. B. frühere Hohepriester (wie Hannas, der Schwiegervater des Kaiphas, amtierend 6–15 n. Chr.) sowie weitere hohe Tempelbeamte.

    Zum Thema „Gebieten“: Kurz gesagt: Nirgendwo in der Bibel ist die Rede davon, dass wir „Mächten und Gewalten“ in der Autorität Gottes gebieten sollen. Diese Lehre hat sich in den 80/90er Jahren im charismatischen Bereich ausgebreitet. Das Ziel war, ganze Orte und Regionen für das Evangelium „freizubeten“. Man beruft sich dabei auf Dan 10, wo aber Daniel gerade nicht „gebietet“ oder die Mächte auch nur anspricht. Er betet allein zu Gott. Auch Eph 6, die zweite Stelle, die in diesem Zusammenhang als maßgeblich gilt, sagt nichts dergleichen; dort spielt sich unser geistlicher Kampf auf der Ebene der Lebensbewährung des Glaubens ab: Wahrheit, Gerechtigkeit, Evangelium des Friedens & Wort Gottes, Fürbitte etc. Die dritte Aussage, das „Binden und Lösen“ von Mt 16,19; 18,18 bezieht sich nach zeitgenössisch-jüdischem Sprachgebrauch eindeutig auf „verbindliche (Lehr-) Entscheidungen“, nicht auf Mächte und Gewalten. Das Missverständnis rührt daher, das man die Stelle ohne Beachtung des jeweiligen Kontexts mit Mt 11,19/Mk 3,27 zusammenstellt. – Davon zu unterscheiden ist der neutestamentliche Umgang mit „Dämonen“. Diese „unreinen Geister“, so die gleichbedeutende jüdische Bezeichnung, sind „niedere“ Geister, die Menschen quälen. Bei ihnen haben die Jünger Jesu die Autorität, sie hinauszuweisen (zu „gebieten“).

    Zum Gelübde: Grundsätzlich sehen wir bei Paulus, dass er im Umgang mit Juden durchaus (an sich nicht mehr bindende) Vorschriften der Tora befolgen konnte. Das trifft für Apg 21 zu, wo Jakobus ihm rät, seine Tora-Treue dadurch unter Beweis zu stellen, dass er für das Nasiräats-Gelübde ärmerer Judenchristen bezahlt. Das „Nasiräat“ war eine – zeitlich begrenzte – Weihe, eine intensive „Heiligung“, vgl. Num 6. Äußerlich war sie durch den Verzicht auf Wein und auf das Scheren der Haare gekennzeichnet. – Apg 18,18 könnte ebenfalls den Abschluss eines Nasiräatsgelüde meinen. Es bleibt insofern rätselhaft, als wir nicht wissen, was Paulus damit verbunden hatte. Vielleicht hatte es mit der Sammlung für die Urgemeinde und der anschließenden Reise nach Jerusalem zu tun, auf der er die Gelder überbringen will. Denn vor mit dem Antritt der Reise ist sein Nasiräatsgelübde offensichtlich ausgelaufen.

  • Kathrin

    Hallo Manfred!Im Referat zum Vaterunser sagst Du, dass es letztendlich in Gegenteil umschlagen kann, wenn wir dem Bösen gebieten. Deine Begründung kann ich gut nachvollziehen. Kannst Du trotzdem noch mal etwas zu den Argumenten sagen, mit denen Christen diese Haltung begründen? Eins wäre doch sicher, dem Beispiel Jesu zu folgen.
    Es ist im NT immer wieder von Hohenpriestern, Hohepriestern oder auch Hoherpriestern die Rede. Ich dachte erst, dass das mit unterschiedlichen Übersetzungen zu tun hat. Aber dem ist nicht so, sie sind bei mir alle drei in einer Bibel zu finden. Was hat es damit auf sich? Scheinbar gibt es auch mehrere Hohe(n,r)-priester gleichzeitig. Gibt es vom AT her nicht immer nur einen?
    In Apg 18,18 und 21,23 ist jeweils von einem Gelübde die Rede, das Paulus, bzw. die vier Männer getan haben. Kannst Du Genaueres zu dieser Praxis sagen? Mir ist unklar, warum auch Paulus so etwas tut.

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Zu Lk 14: Hier haben wir eine Parallele zu den Aussagen über den Reichtum. Wieder geht es um die Frage, was uns beherrscht: Der Wille Gottes oder andere Mächte. In diesem Fall handelt es sich um uneingeschränkt Positives: die eigene Familie und das eigene Leben. Auch hier ist die Aussage zugespitzt und deshalb umso eindrücklicher („hassen“ ist nicht wörtlich gemeint, sondern als drastischer Gegensatz zu „lieben“, so wie auch das „Augen ausreißen“ oder „Hand abhacken“ von Mt 5,28f bildlich gemeint sind): Nicht einmal der höchste Wert darf wichtiger sein als das Reich und der Wille Gottes. Für uns ist der höchste Wert meist das eigene Leben, in der Antike war es die Familie und hier v.a. die Eltern. Das ist bis heute sehr aktuell. Etwa in Missionsgebieten: In vielen Kulturen hat das Christwerden die Konsequenz, dass man aus sämtlichen sozialen Beziehungen und Netzen ausgeschlossen wird, in erster Linie natürlich aus der Familie. Damit ist man sozial tot. Und manchmal kostet es das Leben. Aber auch bei uns ist die Aussage brennend aktuell: Die Nachfolge Jesu kostet uns zwar nicht das Leben, aber in vielerlei Hinsicht kommt es oft zu einer sozialen Ächtung, bis hin in den Familienkreis. „Mit Ernst Christ zu sein“ ist nie populär, weil es einen frei von allen Ansprüchen anderer macht und damit nicht mehr manipulierbar und kontrollierbar. Und wer ist „als guter Christ“ schon bereit, Jesus und seinen Willen über seine Frau und seine Kinder zu stellen, wenn das nötig sein sollte?

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Zu Lk 12: Wichtig ist, wie immer, der Zusammenhang: Lk 12,22-31 gibt dem Ganzen das entscheidende Vorzeichen: Nicht zu sorgen. Das hat Lk aus Q (= was Mt und Lk gemeinsam haben); bei Mt findet sich das in der Bergpredigt. Dann fügt Lk mit 12,32 eine doppelte Aussage ein, um den Punkt konkret zu unterstreichen: Erstens hat Gott den Jüngern seine Königsherrschaft, das „Reich Gottes“, anvertraut, das Größte, was es überhaupt gibt. Zweitens: Deshalb lohnt es sich, dafür alles herzugeben, wenn es um die Herrschaft Gottes geht. „Die Jünger haben die Vollmacht und die Freiheit zur schrankenlosen Liebe; denn ihre Kraft und ihr Gut ist die vollkommene Gabe Gottes, nicht ihr Geld.“ (A. Schlatter). Es handelt sich um eine Extremaussage, die die Freiheit der Jünger von der Herrschaft des Besitzes ganz konkret sicherstellen will. An einigen Stellen hat Jesus das wörtlich gemeint, so etwa beim sog. „Reichen Jüngling“ (Lk 18,18-27) oder zeitweises bei seinen Jüngern, als er sie „ohne alles“ auf Missionsreisen schickt (vgl. Lk 9,3 und 10,4) und so in dieser Freiheit trainiert. Schon im AT hat Gott mit der Sabbatgesetzgebung (Sabbattag, -jahr und Erlassjahr, wo man nicht arbeiten durfte, um sich zu versorgen, bzw. beim Erlassjahr die Herausgabe aller über 50 Jahre erwirtschafteten Gewinne …) sichergestellt, dass Israel dieses Prinzip verinnerlicht: trotz aller eigenen Arbeit und Leistung immer wieder ganz konkret angewiesen zu sein auf die Fürsorge und Versorgung Gottes. Nur so bleibt man frei von der Herrschaft/Knechtschaft des Besitzes, Gelds etc.
    Somit ist klar: es geht nicht um den Besitzverzicht als solchen, sondern um die Freiheit von seiner Herrschaft – aber die muss eben auch konkret immer wieder bewährt werden … Für uns heißt das, dass wir, wie Israel und die Jünger, Punkte im Leben brauchen, wo wir das ganz real einüben. Das ist dann eine individuell recht unterschiedliche Sache, die man aber sehr ernst nehmen muss. Gerade wir in unserem westlichen Reichtum machen uns da gerne Illusionen. – Anschließend fährt Lk in 12,33f mit einem gegenüber Mt formal leicht veränderten, inhaltlich aber gleichen Aussagekomplex fort.

  • SaraHeusser

    Lieber Manfred
    Das Lukas Evangelium hat mich immer wieder herausgefordert und ich bin über Stellen gestolpert die mich sehr nachdenklich gemacht haben..ZB:
    Lukas 12, 28-34 Warnung vor Sorgen…Verkauft eure Habe und gebt Almosen. Wie wörtlich ist diese Schriftstelle zu nehmen in der heutigen Zeit?

    Lukas 14, 25-34 Bedingungen der Nachfolge. Bei mir in der Elberfelder steht: Wer nicht hasst Vater, Mutter, Frau, Kinder… sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.

    Könntest du etwas zu dieser Schriftstelle sagen.
    Vielen herzlichen Dank und ich wünsche euch allen ein gesegnetes neues Jahr!

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Natürlich verschwimmen die Fakten im Dunkel der Geschichte … Aber wenn man den Berg identifizieren möchte, dann hat der Hermon eine größere Wahrscheinlichkeit für sich: vorgelagert sind die Jordanquellen bei dem altisraelitischen Dan, dem nördlichsten Punkt des alttestamentlichen Israels, sowie Cäsarea Philippi, in dessen Umgebung wiederum das vorangegangene Petrusbekenntnis lokalisiert ist, mit Paneas, einem heidnischen Kultort. Zudem spielt der Hermon im frühen (intertestamentlichen) Judentum eine große Rolle als Ort von Offenbarunsen (etwa in den Henochbüchern). Für Teile des Judentums zur Zeit Jesu war das also ein geistlich höchst bedeutsamer Ort.

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Das Jeremiazitat ist eine typisch “figurative” Lesart. Vgl. dazu Ü1, Punkt 1.5. Figurativ meint etwas anderes als ein simples Schema von „Vorhersage“ und „Eintreffen“. Stattdessen rücken alte Aussagen und Ereignisse angesichts des Evangeliums in ein neues Licht: Im Jesusgeschehen “erfüllen” sich Tiefenstrukturen des AT, indem bei Jesus “Entsprechendes” geschieht – in diesem Fall der Schmerz von Rahel aufgrund des Verlusts ihres Kindes. Ausgelöst wird diese Interpretation dadurch, dass eine Überlieferung Rahels Grab bei Bethlehem in Juda sucht (Gen 35,19; 48,7; eine andere, nämlich 1Sam 10,2, sucht es in der Nähe von Rama im Gebiet von Benjamin).

  • Kathrin

    Hallo Manfred! Du sagst im Vortrag, dass die Verklärung Jesu höchstwahrscheinlich nicht auf dem Tabor stattgefunden hat, sondern auf dem Hermon. Womit würde man diese, bzw. jene Annahme begründen? Verschwimmen diese Fakten nicht im Dunkel der Geschichte?

  • Lieber Manfred,ich habe nochmal nachgedacht über die Stelle in Matth.2.16-18, der Kindermord in Bethlehem.Im Vers 18 wird ja auf Jer.31.15 verwiesen. Für mich ist der Bezug nicht ganz verständlich, worüber weint Rahel, ist es eine Prophetie auf den Kindermord?

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Zunächst einmal zur Übersetzung: Es ist nicht von den „Pforten der Hölle“ nach heutigem Verständnis die Rede, sondern von den „Toren des Hades“, also der Unterwelt/Totenwelt; hebräisch wäre das der Scheól. Der Teufel ist also gar nicht im Spiel. Jesus sagt also, dass seine Gemeinde nie vom Tod überwältigt werden wird. Das Bild ist selbsterklärend: In der Antike sah man die Unterwelt als eine riesige Stadt mit Toren; wer einmal hindurchgeschritten ist, kommt nie wieder heraus. Uns läge vielleicht die Metapher vom „Verschlungenwerden vom Rachen des Todes“ näher.
    Auch den folgenden Vers, in dem es um „Binden und Lösen“ geht, muss man in den korrekten sprachlichen Zusammenhang stellen. Hier, wie in der Parallel Mt 18,18, geht es ebenfalls nicht um die Mächte des Bösen (sie werden ja auch nirgends erwähnt!), sondern um verbindliche Entscheidungen. „Binden und Lösen“ ist ein jüdisch-rabbinischer Fachbegriff für „bindende“ (Lehr-)Entscheidungen. Im Fall von Mt 18 geht es um die verbindliche Zulassung bzw. den Ausschluss aus der Gemeinde (vgl. die vorhergehenden Verse Mt 18,15ff). In Mt 16 geht es um die Autorisierung des Petrus, in der Gemeinde Jesu verbindliche Entscheidungen zu treffen – deswegen nennt Jesus ihn den „Felsen“. – Der Gedanke an die Mächte der Finsternis hat sich durch das – allein auf Jesus angewendete! – Bild des Bindens des Starken (Mt 12,29) eingeschlichen, ist aber hier verkehrt.

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Eine super Zusammenfassung! Man könnte höchstens noch ergänzen „Diese Wahrheit schlägt sich in den Schriften nieder, die er mit den Mitteln seiner Zeit und Kultur formuliert.

  • Stephan

    Hallo Manfred

    Ich bin einmal wieder bei der Formulierung in Mt 16,18 “und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen” hängen geblieben.
    Die habe ich für mich immer (vermutlich korrekt) umformuliert in “die Mächte der Finsternis”.
    Aber was genau ist mit dem Bild “Pforten der Hölle” gemeint?

    Viele Grüße, Stephan

  • Matthias Matthias

    Hallo lieber Manfred,
    im Skript IMP T4 Seite 6 oben schreibst Du: “Biblische Inspiration ist deswegen immer personal und ganzheitlich…Erst in der personalen Begegnung wird die Wahrheit Gottes offenbar.” Dies habe ich wie folgt verstanden:

    Inspiriert wird der Verfassser (Gesandter), er wird berufen mit seiner gesamten Person, mit all seinen Fähigkeiten und Grenzen, in seiner Situation. Die Inspiration ist Teil der Gottesbeziehung des Gesandten. Er erkennt die Wahrheit Gottes in dieser Beziehung. Diese Wahrheit schlägt sich in den Schriften nieder.

    Habe Ich Deinen Gedanken dami richtig erfasst? Sonst würde ich mich um eine Erläuterung dazu freuen.

    Liebe Grüße
    Matthias

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Zunächst zum Kontext: Bei Markus ist die Passage Teil einer längeren Ausführung über Kritik an Jesus, und zwar sogar aus seiner eigenen Familie (3,20f.31-35) Diese Erzählung bildet einen Rahmen um die grundsätzliche Verurteilung durch „Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren“– offenbar eine offizielle Untersuchungskommission. Sie sind Fachleute für den Willen Gottes, wie er in der Tora und den Propheten sichtbar wird. Und ausgerechnet sie fällen das Urteil, dass die Machttaten, durch die Jesus in der Kraft des Heiligen Geists Menschen vom Bösen befreit (!), Zeichen des Bösen sind, und nicht der Herrschaft Gottes!
    Diese Perversität macht eine innere Verhärtung (klassisch: „Verstockung“) sichtbar, die die Wirklichkeit nicht mehr wahrnehmen will, auch nicht im Licht der Schrift (vgl. die diesbezüglichen Zitate Jesu aus Jesaja in Mt 11,4-6). Hier mischen sich Stolz und Hass; und diese Mischung führt zur Verhärtung. Solch eine Verhärtung aber ist das Ergebnis von vielen fortgesetzten Entscheidungen gegen die Wahrheit, bis man irgendwann nicht mehr in der Lage ist, das Gute bzw. das Wahre zu wollen.

    Dafür finden sich im schon im Alten Testament immer wieder Beispiele, z.B. beim Pharao in Ex 5-14. Dort wird das Gesagte anschaulich sichtbar: Ex 7,13 und dann die Aussagen bei den Plagen 1-5 und 7 zeigen, dass zunächst der Pharao selbst sich verhärtet, bis irgendwann ein Punkt erreicht ist, wo Gott diese Verhärtung sozusagen ratifiziert. (in Ex 11,10 und nochmals in Ex 14,4.8.17) Ab diesem Zeitpunkt scheint dann eine Änderung nicht mehr möglich. Es ergibt sich also das Bild, dass der „freie Wille“ des Menschen tatsächlich frei ist, dass aber die eigenen Entscheidungen auf Dauer nicht folgenlos bleiben; sie schaffen sozusagen eine Art „Kraftfeld“, dem man sich immer weniger entziehen will – und deshalb auch nicht kann: Im Bild gesprochen: durch diese fortgesetzten Entscheidungen werden Spurrillen gelegt, die durch Wiederholung immer tiefer werden, bis man nicht mehr herauskommt.

    In der Matthäusparallele (12,22-32) ist der Kontext etwas anders. Jesus wird als der vom Heiligen Geist bevollmächtigte Gottesknecht nach Jes 42 sichtbar – und damit als Erfüllung der Schrift. Anlässlich einer Dämonenaustreibung, die die Frage nach der Messianität Jesu aufwirft, erheben dann „die Pharisäer“, also gebildete Fromme, den Vorwurf, die Vollmacht Jesu stamme vom Beelzebul, d.h. vom Teufel. Vermutlich dürften die hier angesprochenen Gegner Jesu beides gewesen sein: pharisäische Schriftgelehrte; ihre auf Hörensagen hin erfolgte Beurteilung legt das nahe.
    Lk hingegen (12,10) baut die Aussage in allgemeine Ausführungen Jesu über den Heiligen Geist ein, die der Vergewisserung der Jünger dienen.

    Zur seelsorgerlichen Frage: Aus dem allen ergibt sich, dass jeder, der sich ernsthaft Sorgen macht, ob er die „Sünde wider den Heiligen Geist“ begangen hat oder noch begehen wird, hier nicht gemeint sein kann. Denn hinter dieser Sorge steht ja der Wunsch, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun.

  • HermineHirschmann HermineHirschmann

    Hallo Manfred
    In Markus 3,22-30 hat Jesus ein Streitgespräch mit Schriftgelehrten. In den Versen 28-30 ist von der Sünde gegen den Heiligen Geist zu lesen. Hier steht, diese Sünde kann nicht vergeben werden. Über diese Worte bin ich beim Lesen immer wieder gestolpert. Ich will nicht wieder einfach darüber hinweg lesen, sondern nachfragen.
    Kannst du bitte diese Schriftstelle erklären. Was ist gemeint? Wie ist das zu verstehen? Inwieweit steht sie im Kontext zu den Versen davor?
    Danke dir sehr.

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Am besten vergisst man all die schlauen Erklärungsversuche; sie sind konstruiert (z. B. die angebliche Pforte in der Stadtmauer …). Es ist schlicht ein drastisches Bild für eine völlige (!) Unmöglichkeit. Das schon in der Antike geläufige rhetorische Stilmittel nennt man “Hyperbel” (griech. hyperbolé, Übertreibung). Der Beweis ist, dass jeder, der das einmal gehört hat, es nie wieder vergisst. Schon die ersten Hörer reagieren geschockt: Mk 10,26! Und die Antwort Jesu geht ja auch genau von dieser Voraussetzung aus: Es ist unmöglich. Ähnlich drastisch z. B. Mt 5,29-30, 7,3; ähnlich bildkräftig und auch noch mit Kamelen: Mt 23,24. Wer reich ist, hätte natürlich lieber eine angenehmere Erklärung …

  • Kathrin

    Hallo Manfred! Kannst Du bitte noch einmal etwas zum Kamel und dem Nadelöhr sagen (Mk 10,25)? Man liest ja immer wieder irgendwelche Erklärungsversuche, aber irgendwie klingt das oft so weit hergeholt.

  • Manfred Schmidt Manfred Schmidt

    Das ist ein Testkommentar …

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